Unsere erste Ausstellung: „Ich bin immer noch ich“
Am Internationalen Museumstag starten wir – die Mitglieder des Kinder- und Jugendbeirates – mit unserer ersten inhaltlichen Arbeit: einer künstlerischen Intervention in sechs Vitrinen im Museum. Ihr findet diese im ersten Stock der Daueraustellung.
Unter dem Titel „Ich bin immer noch ich – Junge Identität(en) der Kulturen der Welt“ machen wir unsere persönlichen Perspektiven auf Identität und Zugehörigkeit sichtbar. Wir haben Objekte, Fotos, Texte, Audios und andere Ausdrucksformen gesammelt – und gestalten damit sechs thematische Inseln, auf denen individuelle Stimmen und gemeinsame Erfahrungen in Dialog treten.
Was euch in den Vitrinen erwartet:
In den ersten beiden Vitrinen stellen wir uns die Frage „Wer bin ich – und wie will ich sein?“ – von der persönlichen Geschichte bis zu den Werten, die uns ausmachen.
Die Vitrinen drei und vier zeigen, wie globale Ereignisse unsere Selbstbilder prägen: Krieg, Flucht, Migration – aber auch Neuanfang, Widerstand und Hoffnung.
In Vitrine fünf und sechs geht es um das „Wir“: Wie leben wir zusammen in einer vielfältigen Gesellschaft? Wie entstehen neue Formen von Gemeinschaft und Solidarität?
Kommt vorbei und lasst euch von unseren Geschichten überraschen. Die Ausstellung ist Teil unserer laufenden Arbeit als Beirat – und erst der Anfang.
Vitrine 1 & 2: Wer bin ich – und wie will ich sein?
„Früher als Kind habe ich über die Welt gar nicht so nachgedacht, dass die Welt so böse ist. Ein böser Spielplatz für Kinder. Du hast die Wiese, einen Ball und läufst rum und denkst nicht viel nach. Wenn du nach Hause kommst, hast du was zum Essen, jemand erwartet dich. Aber die Welt hat sich geändert zu einem schlimmen Platz und einen Unerwarteten.“
Vitrine 3 & 4: Wer bin ich in der Welt?
„Die Flucht war in erster Linie, wenn man als Kind als 15-jähriger dies erlebt. Im Alter von dir oder deinem kleinen Bruder, das ist etwas Spannendes. Weißt du? Du weiß nicht, was dich dort erwartet, wohin du läufst. Das ist wie ein Abenteuer. Du denkst immer noch in deinem Kopf es wird alles gut werden. Du denkst du gehst einmal hin und dann zurück, wie Schulferien und es ist alles in Ordnung.“
Vitrine 5 & 6: Wer ist wir?
„Was heißt es verbunden zu sein. Ich bin 20 Jahre hier, seitdem ich sozusagen vom Haus gerissen bin. Das heißt wie ein Schiff ohne Ufer oder Anker. Ich fühle mich eher verloren. Man gehört nirgends hin. Man ist weder Deutscher hier oder unten, wenn ich auch Urlaub mache, bin ich auch dort nicht mehr zuhause.“
Texte/Beschriftungen für die einzelnen Objekte:
Srebrenica-Blume:
„Srebrenica-Blume“: Ein wichtiges Symbol der Erinnerung an das Massaker von Srebrenica. Und hinter allem steckt eine Bedeutung. Die Blume hat elf weiße Blütenblätter und einen grünen Stempel. Die elf Blütenblätter stehen für den 11.07.1995. Das Weiß steht für Unschuld, also für all die unschuldigen Menschen, die beim Genozid in Srebrenica ermordet wurden. Das Grün symbolisiert Hoffnung und Neuanfang. Die Blume soll eine Botschaft sein – für alle Menschen in Bosnien-Herzegowina, in Europa und auf der ganzen Welt, egal wo sie herkommen. Die Blume wird von angehörigen der Opfer und bei Gedenkveranstaltungen getragen, um an mehr al 8000 ermordete bosniakische Männer, Jungen und Säuglinge zu erinnern und ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen.
Hemde mit ukrainischen Mustern:
Die Wyschywanka (ukrainisch: вишиванка) ist ein besticktes Hemd oder eine Bluse mit traditionellen Mustern. Besonders in der Ukraine und in Rumänien, wo sie „Ieromaneasca“ heißt, gilt sie als nationales Kulturgut. Ähnliche Muster gibt es aber auch in Kroatien, Serbien und der Slowakei. Ursprünglich hatten die Stickereien auf Wyschywankas im Frühmittelalter vor allem eine schützende Funktion – sie sollten wie ein Talisman wirken. Platziert wurden sie gezielt an Stellen, durch die böse Geister in den Körper eindringen könnten, also zum Beispiel am Ausschnitt, an den Ärmeln oder den Schultern. Die Muster selbst gehen zwar bis ins frühe Mittelalter zurück, viele der heute bekannten Variationen entstanden aber erst im 19. Jahrhundert.
Kosaken-Figur
Für viele junge Ukrainer*innen waren Symbole wie die Wyschywanka oder historische Figuren wie die Kosaken lange Zeit eher etwas für ältere Generationen – Schulfach, Museum, irgendwie weit weg vom eigenen Alltag. Doch seit dem Krieg und der Flucht hat sich das verändert. Plötzlich bekommen diese Symbole eine ganz neue Bedeutung: Sie werden zum Anker, zur Erinnerung an eine Heimat, die man verlassen musste oder die gerade unter Beschuss steht. Die Wyschywanka zu tragen ist dann kein folkloristischer Akt mehr, sondern ein Statement – ein Zeichen von Identität, Stolz und Zusammenhalt. Was früher vielleicht altmodisch wirkte, wird jetzt zu etwas Persönlichem und Politischem zugleich.
Drohne:
Drohnen – für die meisten von uns waren die erstmal einfach cool. Ein teures Spielzeug, mit dem man krasse Aufnahmen machen oder Rennen fliegen konnte. Etwas für YouTuber oder die, die zu viel Geld hatten. Kaum jemand hat dabei an Krieg gedacht.
Doch seit dem Krieg in der Ukraine, oder in Gaza oder in anderen Gebieten hat sich dieses Bild komplett verschoben. Dieselbe Technologie, die vorher für Urlaubsvideos genutzt wurde, wird jetzt eingesetzt um Leben zu retten – oder zu beenden. Drohnen spähen feindliche Stellungen aus, liefern Medikamente in unzugängliche Gebiete, aber werden genauso als Waffen eingesetzt. Die Grenze zwischen Hobby und Kriegsgerät ist plötzlich erschreckend dünn.
Für Menschen, die im Krieg leben und überleben müssen, bedeutet das noch mal was ganz anderes. Was für uns vielleicht noch ein Gadget ist, kann für sie Schutz bedeuten – oder Bedrohung. Der Sound einer Drohne über dem eigenen Kopf hat eine völlig andere Bedeutung, wenn man nicht weiß, wer sie steuert.
Aufkleber:
Junge Menschen werden manchmal dafür kritisiert, dass sie politische Themen nur über Social Media teilen – Stichwort „Insta-Aktivismus“. Der Gedanke dahinter: Ein geteilter Post, ein Sticker, ein Statement auf einem Kleidungstück sei zu wenig, zu oberflächlich. Das ist grundsätzlich kein unverständlicher Einwand, denn die Welt ist komplex und lässt sich nicht in einem Bild zusammenfassen. Gleichzeitig lohnt sich ein zweiter Blick. Vereinfachung gibt es nicht nur auf Instagram – auch Wahlplakate, Talkshows oder Zeitungskommentare reduzieren komplizierte Themen auf einfache Botschaften. Das ist kein Vorwurf, sondern schlicht eine Eigenheit fast aller öffentlichen Kommunikation. Der eigentliche Unterschied liegt oft weniger im Inhalt, als im Format und darin, wer spricht. Ein geteilter Post, ein Aufkleber ist vielleicht kein politisches Programm – aber er kann ein Einstieg sein. Interesse, Haltung, Aufmerksamkeit für ein Thema zu zeigen, hat seinen eigenen Wert, egal auf welchem Kanal das passiert.
Buch: „Mama, bitte lern Deutsch“:
Aufgewachsen in und mit zwei Sprachen, in und mit zwei Welten, und mindestens zwei Versionen von sich selbst – das kennen viele, die mit Eltern groß geworden sind, die die Sprache des Landes, in dem sie leben, nicht oder kaum sprechen. „Mama bitte lern Deutsch“ trifft genau diesen Punkt, der sonst selten ausgesprochen wird: die Erschöpfung, immer übersetzen zu müssen – nicht nur Worte, sondern auch Formulare, Behördengänge, manchmal das ganze Leben. Und gleichzeitig die Liebe zu Menschen, für die man das alles trotzdem tut, ohne zu zögern.
Das Buch gibt diesem Gefühl einen Namen. Es zeigt, dass das keine Einzelerfahrung ist, sondern eine geteilte Realität einer ganzen Generation. Und das allein – das Gefühl, endlich gesehen zu werden – kann unglaublich viel bedeuten.
Brasilianische Haarcreme:
Pflegeprodukte sind für junge Menschen ein echtes Thema – egal woher man kommt. Hautpflege, Haarpflege, das eigene Aussehen: Das spielt in der Jugend eine große Rolle, weil es auch um Identität geht, darum, wie man sich selbst wahrnimmt und wie man gesehen werden will.
Aber für viele junge Menschen in einer postmigrantischen Gesellschaft gibt es dabei eine zusätzliche Ebene. Wer lockiges, krauses oder andersstrukturiertes Haar hat, wer eine andere Hauttönung hat oder spezifische Pflegebedürfnisse, der merkt schnell: Die Regale im Drogeriemarkt sind nicht für alle gleich gefüllt. Die „Standardprodukte“ richten sich oft implizit an einen bestimmten Haut- und Haartyp – den der vermeintlichen Mehrheit. Alle anderen suchen sich durch, fragen in der Familie nach, schauen YouTube-Tutorials auf Englisch oder Arabisch oder Yoruba, und finden ihre Produkte am Ende vielleicht in einem kleinen Spezialgeschäft, online oder im Laden um die Ecke, der offiziell „Afro Hair & Beauty“ oder „World Food“ heißt.
Das ist kein Drama – aber es sagt etwas aus. Nämlich dass „für alle“ eben oft doch nicht alle meint.
Jugendbibel:
Religion ist für viele junge Menschen heute weniger eine Pflicht als eine Frage. Eine, die man sich selbst stellt: Was glaube ich eigentlich? Was bedeutet mir das – wirklich, nicht weil es so weitergegeben wurde? Diese Auseinandersetzung ist Teil der Identitätsfindung, genauso wie Musik, Sprache oder Herkunft.
Dabei entsteht oft eine ganz eigene Form von Religiosität – eine, die sich von der der Eltern unterscheidet, ohne sie zu verleugnen. Die Elterngeneration hat Religion häufig als festes Gerüst erlebt, als etwas Selbstverständliches, das zum Alltag dazugehörte. Für viele Junge ist es heute eher ein Angebot, mit dem man sich bewusst auseinandersetzt. Manche übernehmen vieles, manche wenig, manche suchen nach einem Mittelweg zwischen dem, was sie zuhause gelernt haben, und dem, was sich für sie persönlich stimmig anfühlt.
Das bedeutet nicht, dass Religion weniger wichtig geworden ist – im Gegenteil. Gerade in einer Welt, die sich schnell verändert und wenig Halt bietet, kann sie für junge Menschen eine echte Ressource sein. Nur eben auf ihre eigene Art und zu ihren eigenen Bedingungen.
LGBTQI Plakat:
Für viele junge Menschen ist die Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen oder geschlechtlichen Identität ohnehin kein einfacher Prozess. Aber für junge Menschen, die aus Familien oder Ländern stammen, in denen Queerness nicht nur ein Tabuthema ist, sondern strafrechtlich verfolgt wird – in manchen Ländern sogar mit dem Tod bestraft werden kann – trägt diese Suche nach sich selbst ein ganz anderes Gewicht.
Die eigene Identität zu entdecken und gleichzeitig zu wissen, dass genau diese Identität im Herkunftsland der Familie als etwas Verbotenes, Beschämendes oder gar Todeswürdiges gilt – das ist ein tiefer Widerspruch, mit dem man irgendwie umgehen muss. Das betrifft nicht nur das Verhältnis zur Familie oder zur Community, sondern auch das eigene Selbstbild. Wie findet man zu sich, wenn das, was man ist, in einem Teil der eigenen Welt schlicht nicht vorgesehen ist?
Gleichzeitig zeigt sich gerade bei jungen Menschen eine bemerkenswerte Stärke: Viele entwickeln dabei eine sehr reflektierte, bewusste Identität – weil sie keine andere Wahl hatten, als sich ernsthaft mit sich selbst auseinanderzusetzen. Zwischen verschiedenen Welten, Erwartungen und Wahrheiten einen eigenen Weg zu finden, ist anstrengend. Aber es kann auch zu einer Haltung führen, die tiefer geht als bei denen, für die diese Fragen nie wirklich auf dem Spiel standen.
Meine traditionelle assyrische Festtagskleidung
Dieses Kleidungsstück hat für mich eine tiefe religiöse und kulturelle Bedeutung. Ich trage es am Palmsonntag, wenn ich zur Kirche gehe. Jedes einzelne Teil wird sorgfältig übereinander angezogen – so wie es in meiner assyrischen Tradition üblich ist.
Der Palmsonntag erinnert mich daran, wie Menschen einst Palmzweige und Kleider vor Jesus ausbreiteten, um ihn zu ehren. Dieses Zeichen der Verehrung bewahren wir bis heute in unserem Glauben.
Ich fühle mich sehr mit dieser Tradition verbunden, weil ich so aufgewachsen bin und fest an den christlichen Glauben glaube. Ich spreche Aramäisch – eine Sprache, die auch Jesus sprach, wenn auch in einem anderen Dialekt. So fühle ich mich meiner Geschichte und meinem Glauben besonders nah.
Interview
Sohn: Was hat dir geholfen schwierige Zeiten zu überstehen in Deutschland?
Vater: Ablenkung. Ablenkung, mit Menschen zu sprechen. Es gibt immer schwierige Zeiten. Aber wenn du ein Partner an deiner Seite hast, der dir nah steht und dir immer wieder gewisse Sachen verzeiht. Das ist das grundlegende Fundament, dass du weiterkommst.














